Voices of Sonder: Nathalie Jäschke

Nathalie Jäschke is a biologist with a specialization in animal-assisted therapy, who has an insatiable sense of wanderlust. Homefree for the past three years, she has recently lived in Australia where she worked on an organic farm and trained a pig named Georgie to visit the elderly at the local nursing home.

I talked with Nathalie about her love for humans and animals, travel as a way of life, fear, bravery, and her dreams and plans for the future.

This interview is in German. You can read the English version here.

Nathalie Jäschke

Daria: Du bist Weltenbummlerin und Reisende aus Leidenschaft. Auch wir lernten uns 2012 in Südafrika kennen. Abends am Lagerfeuer, braungebrannt, die Füße im Sand vergraben. Seither lässt du dich treiben – von Momenten, vom Leben, den Begegnungen mit Menschen und der Arbeit mit Tieren. Du hast viele Facetten und Leidenschaften, bist „unterschiedliche Nathalies“, wie du es auf deinem Blog beschreibst. Was hat dich zu diesem Menschen gemacht?

Nathalie: Mein ganzes Leben mit all seinen Höhen und Tiefen hat mich zu diesem Menschen gemacht. Meine Liebe zu Tieren war immer schon ziemlich ausgeprägt – später wollte ich immer „irgendwas mit Tieren“ machen. 2008 ging ich für und während meines Biologiestudiums für fünf Monate nach Australien: die erste große Reise alleine. Dort habe ich das Gefühl von Freiheit geschnuppert und meine Reiseleidenschaft entfacht. Danach wurde ich immer ganz Ohr, wenn mal wieder jemand von seiner Reise erzählte – mein Herz hat immer gleich höhergeschlagen. Am liebsten wollte ich direkt meine Koffer packen und wieder losziehen.

D: Wie würdest du Freiheit für dich definieren?

N: Freiheit bedeutet für mich, meinen Alltag und mein Leben so zu gestalten, wie ich möchte: meinem Herz zu folgen anstatt der Normen, die in so vielen Köpfen existieren. Ich bin gerne viel am Meer und in der Natur… Dort fühle ich mich frei.

“Angst zeigt mir den richtigen Weg”

D: Es bedarf einer Menge Mut, den Weg ins Ungewisse zu gehen und jeden Tag erneut zu wählen. Du brichst mit vielen Konventionen. Woher nimmst du diese Kraft?

N: Das frage ich mich manchmal auch. Oft sagen mir Freunde oder Menschen, die ich unterwegs treffe, wie toll und mutig sie das alles finden und wie gerne sie das auch machen würden, dass sie es aber aus unterschiedlichen Gründen nicht können. Ich selbst habe gar nicht dieses Bild von mir und spiele das immer runter, bin ich doch auch eher selbstkritisch. Am Ende ist da immer Angst.

Angst wird oft so negativ bewertet. Ich glaube nicht, wahnsinnig anders als andere Menschen zu sein: ich habe genauso Angst vor Dingen. Ich gebe Sachen auf, um dieses Leben zu führen, aber dafür bekomme ich dann etwas Anderes. Es ist eine Entscheidung: ob man sich und sein Leben von Angst kontrollieren lässt oder nicht. Ich denke, Angst zeigt mir den richtigen Weg.

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Wenn Ängste und Zweifel doch mal Überhand nehmen, hilft es mir, zu meditieren und so das Gedankenkarussell zu stoppen. Auch der Kreis meiner Engsten ist mir unheimlich wichtig. Menschen, die mich bestärken und unterstützen, auch wenn sie meinen Lebensweg gar nicht verstehen oder teilen können. Menschen können viel Kraft geben, aber auch viel Energie ziehen. Es ist wichtig, diejenigen auszuwählen, die einem Kraft geben.

Gedanken folgt Realität: Es geht auch anders

D: Du verkörperst und lebst „sonder“, den Ansatz dieser Interviewreihe, in ganz besonderem Maße: Auf deinem Blog Guteweltgeschichten. erzählst du sowohl gute Geschichten aus aller Welt als auch Geschichten einer guten Welt. Wie kam es zu dieser Idee?

N: Bevor wir uns in Südafrika kennengelernt haben, war ich in Indien. Dort habe ich mit meiner damaligen Reisepartnerin Elaine kennengelernt, die in England alles aufgegeben hat, um sich in Indien um Straßenhunde zu kümmern. Wir durften sie bei ihrer Arbeit begleiten und sie erzählte uns, dass sie das Projekt weitgehend von ihren Ersparnissen und aus privaten Spenden finanziert. Damals hatte sie noch keine Internetpräsenz und ich dachte, wie wunderbar es wäre, solch kleinen Projekten eine Plattform zu geben, um sich vorzustellen. Ich sehe mich quasi als Mittler und möchte Menschen, die ganz uneigennützig Gutes tun, unterstützen.

Nathalie Jäschke

Zudem sind unsere Medien so geprägt von schlechten Nachrichten und Geschichten, dass viele Menschen einen genauso negativen Mindset entwickeln. Es passiert aber auch soviel Gutes auf der Welt. Wir müssen uns viel mehr auf das Gute konzentrieren. Mit Hass und Negativität kommen wir nicht weiter.

Ich möchte Menschen inspirieren und zeigen, dass es eben doch anders geht und dass „anders“ nicht unbedingt angstfrei heißt. Jeder von uns hat Angst, das ist ganz normal. Wir müssen endlich anfangen, uns gegenseitig zu unterstützen und mehr miteinander zu gehen. Unsere Gedanken sind so wichtig. Gedanken folgt Energie und Realität.

D: Wenn du es dir aussuchen könntest: Wie wäre das Verständnis von Angst in unser Gesellschaft?

N: Es ist ganz normal, Angst zu verspüren. Dafür sollte man sich nicht schämen. Angst ist lebensnotwendig, solange es nicht übermäßig ist. Ich würde mir wünschen, dass man in der Gesellschaft viel mehr über seine Ängste reden könnte und dass diese Eigenschaft als Stärke und nicht als Schwäche gesehen würde.

In unser Gesellschaft wird Angst oft in Grundsätzen gesät, um uns kleinzuhalten. Sobald wir den Gedanken hegen, aus unser Komfortzone zu treten, wird das ganze Angstrepertoire ausgepackt: all die Zweifel und „Ich kann ja nicht“-Grundsätze.

Für mich ist Angst ein Wegleiter. Es könnte ja schließlich etwas ganz Großartiges passieren.

“Wenn ich aufwache und mich dazu entschließe loszufahren, kann ich das tun”

D: Drei Jahre lang hast du nun schon keinen festen Wohnsitz mehr. Wie fühlt sich das an?

N: Es ist sehr abwechslungsreich – ich kann mich schnell an Orten zu Hause fühlen. Manchmal wünsche ich mir meinen eigenen Rückzugsort, der natürlich oft nicht vorhanden ist. Dafür habe ich die Freiheit, morgen hinzufahren, wohin ich möchte. Wenn ich aufwache und mich dazu entschließe loszufahren, kann ich das für unbestimmte Zeit machen.

Nathalie Jäschke

Nathalie Jäschke

D: Wie denkst du über das Wort “zuhause”?

N: Ich habe ganz viele Zuhause in der Welt. Es ist schön, so viele Orte zu haben, von denen ich genau weiß, dass ich mich direkt zuhause fühlen werde, sobald ich dorthin zurückkehre. „Zuhause-zuhause“ ist für mich aber nach wie vor meine Familie.

Mit Mensch und Tier: Groß denken ist immer gut

D: Du bist ausgebildete Biologin. Letztes Jahr machtest du eine Weiterbildung zur Fachkraft für tiergestützte Intervention. Was verbirgt sich dahinter und was bedeutet sie für dich?

N: Mensch und Tier werden zusammengebracht und es wird so gestaltet, dass beide eine gute Zeit haben. Es gibt die unterschiedlichsten Projekte: Tierbesuche in Altenheimen und Krankenhäusern; Tiere als Unterstützung in Ergo- und Physiotherapie, bei geistigen oder körperlichen Behinderungen, Suchtproblemen, Traumapatienten; es gibt Therapiehöfe, … Tiere sind heilend: sie sind ehrlich und nicht wertend. Sie akzeptieren den Menschen so, wie er ist.

Ich merke immer wieder, wie heilend die Zeit mit Tieren auch für mich selbst ist. Die Ausbildung habe ich zusammen mit meiner Schwester gemacht. In der Zukunft möchten wir zusammen einen Therapiehof aufbauen.

D: Wie sieht der Hof in deinen Träumen aus? Kannst du ihn beschreiben?

N: Es soll ein sehr offener Wohlfühlort werden. Lange schon habe ich das Konzept der „sozialen Landwirtschaft“ im Kopf. In Holland gibt es schon viele dieser Projekte. Auf dem Hof wird Landwirtschaft betrieben – ich würde gerne viel Obst und Gemüse selbst anbauen und natürlich viele Tierbewohner haben. In der Regel kommen dann morgens ältere Menschen, die oft sehr einsam sind, und helfen bei den täglichen Hofarbeiten. Mittags wird zusammen gekocht und nachmittags gehen sie wieder nach Hause. Auch die Kombination von älteren Menschen und Kindern auf dem Hof gefällt mir sehr gut. Zudem würde ich noch Einzeltherapiestunden anbieten wollen.

Nathalie Jäschke

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Ich habe auch viele Veranstaltungsideen. Am liebsten würde ich eine richtige Community gründen: einen Ort, an dem Menschen zusammen sind und sich verwirklichen können; einen Ort für kreativen Austausch… Groß denken ist ja immer gut.

D: Was unterscheidet die Arbeit mit Tieren vom Austausch mit Menschen? Was macht die Zusammenführung von beiden so besonders?

N: Tiere sind mehr im Moment. Sie sind ehrlich und es zählen keine Äußerlichkeiten – sie sehen deine Seele und Energie. Menschen sind geprägt von ihrem Erfahrungsschatz. Sie urteilen meist zuerst nach dem Äußeren. Wir sind so entfremdet von der Natur, dass sich viele von uns mittlerweile in Städten sicherer fühlen.

Tiere holen uns oft in den Moment zurück. Es geht in diesem Moment um das Zusammensein. Sie akzeptieren uns und wir fühlen uns akzeptiert und geliebt. Tiere sind ein guter Spiegel unseres Gemütszustandes. Sind wir gelassen, sind auch sie meist gelassen, sind wir gestresst, sind oft auch die Tiere gestresst. Schweifen wir in unserer Aufmerksamkeit ab, schweifen auch sie ab. Meiner Meinung nach können wir viel von Tieren lernen.

Sind Tiere die besseren Menschen?

D: Das Sprichwort besagt, Tiere seien die besseren Menschen.

N: Tiere sind definitiv wertfreier als Menschen. Wir stellen uns immer viel zu sehr in den Mittelpunkt. Meiner Meinung nach würden Tiere nie sagen oder beurteilen, dass sie besser oder schlechter als Menschen sind. In der Aussage versucht man, das Tier irgendwie mit dem Mensch zu vergleichen, dabei sind wir alle eins.

Nathalie Jäschke

D: Du bist vor Kurzem erneut aus Australien zurückgekommen. Nach deiner letzten Langzeitreise fiel es dir schwer, in Deutschland wieder Fuß zu fassen. Wie ergeht es dir bisher?

N: Da kam einiges zusammen! Vom Sommer in den Winter. Der schwere Abschied von Australien, einem Land, das für mich ein Zuhause ist. Dazu war letztes Jahr das veränderungsreichste und wichtigste Jahr in meinem Leben. Es war nicht nur eine weitere Reise, sondern vor allem eine Reise zu mir selbst. Da diese nicht daheim geschehen ist, konnte ich mein Leben hier auch nicht schleichend daran anpassen. Zurückkommen ist demnach herausfordernd. Aber ich freue mich, hier zu sein und Zeit mit Familie und Freunden zu verbringen.

Glücklicherweise habe ich vorgesorgt und mit meinem Flug zurück nach Deutschland auch einen Flug nach Bali für Mitte Februar gebucht. Das nimmt mir eine Menge Druck und lässt mich die Zeit hier wirklich genießen.

Kraft, Liebe und Vertrauen

D: Bali – wow! Ist die gewisse Weiterreise bisher der einzige Plan oder weißt du schon, wohin die Reise konkret geht?

N: Ich weiß bisher nur, dass ich ganz viele Zeichen für Bali bekommen und daher den Flug gebucht habe. Ich habe ein paar Ideen, habe aber bisher nichts Festes geplant. Ich plane derzeit komischerweise fast überhaupt nicht, obwohl ich sonst immer einen Plan brauche. Ich habe ein Urvertrauen, dass es einfach wahnsinnig toll wird und sich alles Weitere dort ergeben wird. Ich möchte mir definitiv Zeit für mich und meine Weiterentwicklung nehmen. Meine Wörter für 2017 sind „Kraft“, „Liebe“ und „Vertrauen“. Daran möchte ich arbeiten.

Durch das Zuhause-sein gelange ich derzeit auch wieder gut in die Komfortzone, durch die ich auch wieder etwas Angst und Bammel vor dieser Reise bekomme… Was sagt mir das? Es ist genau der richtige Weg.

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